Wie das Buch “Verheiratet mit zwei Männern” entstand - 3. Teil

Die Welt von James Parkinson

Mein letzter Artikel über die Entstehung des Buches “Verheiratet mit zwei Männern - meine Ehe mit Jürgen Schwarz und James Parkinson” endete mit meiner Ankunft im Room for Rare Books der Bibliothek der Universität Cambridge.

Vor mir lag das erste von zwei Büchern, die ich dort in den nächsten zweieinhalb Tagen zu studieren gedachte, auf einem Polster. Neben mir stand mein Laptop. Aber ich vergaß, dass ich mit dem Auto hierhergekommen war, ein Flugzeug benutzt hatte und ich vergaß auch den Laptop. Ich war in London, im London des 18. und 19. Jahrhunderts. Genau genommen in Hoxton. Dort hatte der Vater von James Parkinson eine Arztpraxis, und dort wurde James am 11. April 1755 geboren und lebte und arbeitete als Arzt bis zum 21. Dezember 1824. Nur einen Tag zuvor, am 10. April, kam in Meißen Samuel Hahnemann zur Welt - der Begründer der Homöopathie und ein weiterer Mensch, der mein Leben geprägt hat. Doch zurück nach Hoxton.

Ich tauchte ein in eine Welt, die sich rasch veränderte. Die Industrialisierung forderte ihren Tribut. Armut breitete sich in Hoxton aus. Erbärmliche Armut. Menschen teilten sich Wohnungen mit immer mehr anderen Menschen. Sie schliefen in Schichten in den Betten. Es war schmutzig. Gin war allgegenwärtig und mit ihm all die Folgen von Alkoholsucht. Es war kriminell. Es herrschte große Not. Die Praxis von James Parkinson, die früher gut situierten Menschen vorbehalten gewesen war, befand sich jetzt in einem sozialen Brennpunkt.

Wie viele Bücher hatte ich über das alte England gelesen, wie viele Filme gesehen. Sie alle halfen mir jetzt dabei, die Worte in den Büchern nicht nur zu lesen, sondern mich auch wirklich in der Welt von James Parkinson wiederzufinden. Ich war dort. Ich sah die Straßen, die Häuser, die Praxis und ich sah die Madhouses. Das waren Häuser, geleitet von vollkommen unqualifizierten Menschen, in denen eigentlich psychisch kranke Menschen untergebracht werden sollten. In ihnen landeten aber auch oft unliebsame Verwandte oder andere Menschen, die man dort gegen ein entsprechendes Entgelt “entsorgen” konnte.

Die Zustände in diesen Häusern waren unfassbar. Schmutz, Schläge, Vergewaltigungen gehörten zum Alltag. Menschen wurden an Bettgestelle gefesselt und in dunklen Kellerräumen sich selbst überlassen, hungernd, in ihren eigenen Exkrementen, geschlagen und missbraucht. Ich glaubte, ihre Schrei durch all die Zeiten zu hören.

Für jedes dieser Madhouses war auch ein Arzt zuständig. Auch James Parkinson hatte die Aufsicht über eines der Madhouses. In diesem herrschten deutlich bessere Zustände und er setzte sich sehr für die Menschen dort und auch außerhalb der Madhouses ein.

In dem Madhouse, für das er zuständig war, fand er Menschen, die absolut nicht dorthin gehörten. Menschen, die nicht psychisch erkrankt waren, sondern einfach nur zitterten. Menschen, die an der Shaking Palsy litten, der Schüttellähmung. An der Krankheit, die später nach ihm benannt wurde: Morbus Parkinson.

Als ich diese Schilderungen las, rannen mir unkontrolliert Tränen aus den Augen. Ich spürte nicht, dass ich weinte. Ich spürte nur, wie meine Hände nass wurden. Es dauerte eine Weile, bis ich aus der Welt der Madhouses wieder aufgetaucht war. Da verordnete ich mir die britischste aller Medizinen - eine Tasse Tee.

Danach las ich das zweite Buch, in dem James Parkinson einem Vater, dessen Sohn Arzt werden möchte, erklärt, was seiner Meinung nach ein Medizinstudent mitbringen müsse und was er von einem Arzt erwarte. Und mein Herz öffnete sich ganz weit für diesen Mann, für James Parkinson.

Doch das zweite Buch verdient seinen eigenen Artikel. Davon erzähle ich Euch in der kommenden Woche.

Sophie

Das Buch “Verheiratet mit zwei Männern” ist auf Deutsch und Englisch überall im Buchhandel erhältlich.

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