Wie das Buch “Verheiratet mit zwei Männern” entstand - 6. Teil

Can I help you?

Nachdem ich aus Cambridge zurückgekommen war, begann mein Buch seine endgültige Gestalt anzunehmen. Ohne James Parkinson würde es nicht vollständig sein. Mir fehlten noch ein paar Bausteine. Immer wieder las ich die Notizen durch, die ich in der Bibliothek der Cambridge University gemacht hatte. Das soziale Engagement von James bewegte mich sehr. Ich las alle Schriften von ihm, derer ich habhaft werden konnte. Diesen Mann hätte ich sehr gerne kennengelernt.

Das war mir nun verwehrt. Aber ich konnte auf seinen Spuren wandeln, im Hoxton des 21. Jahrhunderts. Und so begab ich mich nach London. Was genau ich dort wollte und was ich glaubte, dort zu finden, wusste ich selbst noch nicht. Ich wusste nur, dass es in der St. Leonard’s Church im Stadtteil Shoreditch, der an Hoxton grenzt, eine Gedenktafel für James Parkinson gab, da sein Grab unauffindbar war. Ich fuhr dorthin und fand eine Baustelle.

Fast die gesamte Kirche war eingerüstet und die Tür war verschlossen. Was nun? Ich folgte dem Geräusch eines Rasenmähers. Der Mann, der ihn bediente, stellte ihn ab, als er meinen fragenden Blick sah, und sagte: “Can I help you?”

Leider hatte auch er keinen Zugang zur Kirche, fragte aber, ob ich mich ein wenig mit ihm unterhalten wolle, denn heute sei sein dritter Geburtstag. Vor drei Jahren habe er seine Alkoholsucht besiegt und sei aus der Obdachlosigkeit in ein Projekt gekommen, in dem er eine Wohnung bekommen habe und für das er nun arbeite.

Er erzählte mir nicht nur seine Geschichte, sondern auch von Hoxton - wo Shakespeare eine Zeitlang gelebt haben soll und wohin nach ihrer Ermordung auch Mary Jane Kelly, eines der Opfer Jack the Rippers, gebracht worden sei. Die Schilderungen waren so eindringlich, dass ich den Verkehrslärm nicht mehr wahrnahm und auf eine Zeitreise ging.

Schließlich war die Pause des Herrn vorüber. Wir verabschiedeten uns herzlich und er machte mich noch auf ein Café aufmerksam, bei dem ich nachfragen könne, ob sie mir vielleicht mehr von James erzählen könnten.

Ich machte mich auf den Weg und fand auch umgehend das Café. Es war ein Ort für Menschen, die auf der Straße lebten. Dort bekamen sie Tee und etwas zu essen. Das Café war voller Menschen und auch Hunde. Letztere beschnüffelten mich neugierig und ließen sich streicheln.

Viele der Menschen stellten mir die Frage des Tages: “Can I help you?”

Ich erfuhr wenig von James, dafür mehr über die Menschen und ihre Schicksale. Viele wollten ihre Ruhe, und auch das verstand ich sehr gut.

Als ich mich auf den Rückweg zu meinem Hotel machte, schlenderte ich zunächst noch über den Hoxton Square, wo James fast sein gesamtes Leben verbracht hatte. Nichts erinnerte dort mehr an ihn.

Oder doch?

Fast einen ganzen Tag hatte ich den Geist seiner sozialen Einstellung, seines Kampfes um Menschenrechte und Menschenwürde gespürt an dem Ort seines Wirkens.

Und ich fühlte mich unendlich reich beschenkt von all diesen Menschen.

Und auch den Hunden.

Sophie

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